Diplomatie, Debatten und ein Urteil: Unsere Erfahrungen bei Model United Nations
Wie treffen Länder eigentlich gemeinsam Entscheidungen? Wie werden internationale Konflikte gelöst und warum dauern Verhandlungen zwischen Staaten so lange? Genau mit solchen Fragen sind wir (Emilia Spitzer, Emilia Grundl und Marlene Schwarzberger) zu einer Model United Nations (MUN)-Konferenz gefahren.
Model United Nations ist eine Simulation der Vereinten Nationen (United Nations, UN). Die Vereinten Nationen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und sind eine internationale Organisation, in der fast alle Länder der Welt vertreten sind. Ihr Ziel ist es, Frieden zu sichern, Konflikte zu lösen und gemeinsam Ideen für globale Probleme wie Klimawandel, Armut, Kriege oder Menschenrechte zu entwickeln. Die Debatten über die verschiedenen Themen finden in unterschiedlichen Gremien, wie zum Beispiel der Generalversammlung oder dem Sicherheitsrat, statt. Bei MUN schlüpfen Schülerinnen und Schüler in die Rollen von Delegierten, Richtern, Journalisten oder Vertreter nichtstaatlicher Akteure und erleben, wie internationale Politik und Zusammenarbeit funktionieren.
Wir hatten die Möglichkeit, Jordanien in der Generalversammlung (GV) zu vertreten. Das zentrale Thema, das uns über alle fünf Tage hinweg begleitete, war die Klimaflucht – konkret die Frage, ob und wie die Definition von Klimaflüchtlingen in der Genfer Flüchtlingskonvention angepasst werden sollte. Zu Beginn der Konferenz wurde das Gremium in Regionalgruppen aufgeteilt, was rasch zu ersten Konsensen führte. Im Anschluss startete die formale Debatte mit fast 100 Delegationen. Dabei kristallisierte sich schnell heraus: Obwohl jede Delegation ein Stimmrecht besitzt, war es mitunter schwierig, Gehör zu finden. Dennoch bot das Gremium gerade kleineren Staaten die Chance, ihre Perspektive einzubringen. Bis zum Schluss blieb unklar, ob wir eine gemeinsame Resolution verabschieden würden. Erst in einer 20-minütigen Sitzungsverlängerung konnte sich das Gremium darauf einigen, die Klimaflucht in die Genfer Flüchtlingskonvention aufzunehmen und finanzielle Hilfen für betroffene Länder sowie Transitländer zu beschließen.
Ein weiteres Gremium, an dem wir teilnehmen konnten, war der Menschenrechtsrat (MRR). Eine von uns hatte dort - wie auch in der Generalversammlung - die Möglichkeit, Jordanien zu vertreten. Wir hatten drei zentrale Themen, vertieft behandelt und abgeschlossen haben wir jedoch nur das Erste: die Menschenrechtssituation in Syrien. Dabei haben wir nicht nur über die Situation gesprochen, sondern auch über Möglichkeiten, das Leben der syrischen Bevölkerung zu verbessern und gleichzeitig die Interessen aller anwesenden Länder zu berücksichtigen. Da unser Gremium im Gegensatz zur Generalversammlung nur 30 Mitgliedsstaaten umfasste, waren die Kommunikation und das Schließen von Bündnissen sehr gut möglich. So konnte man sich auch als eher „kleinerer" Staat im Vergleich zu den anwesenden Weltmächten wie China, den USA und Russland gut durchsetzen. Interessant war zu beobachten, dass viele Staaten trotz geografischer Nähe und ähnlicher politischer Systeme bei Abstimmungen über Punkte in unseren Positionspapieren oft unterschiedlich votierten. Dies lag häufig daran, dass viele Länder von einem der großen Staaten abhängig waren, die meist gegensätzliche Positionen vertraten. Dies war jedoch nicht immer der Fall, da sich auch früh zeigte, dass die Kolonialisierung bis heute ein wichtiges Thema für die davon betroffenen Länder ist. An einem Punkt zeigte sich sogar eine klare Trennung zwischen ehemaligen Kolonialmächten wie Frankreich und den USA auf der einen Seite und vielen afrikanischen sowie arabischen Staaten auf der anderen. Trotzdem blieb die gesamte Woche über eine diplomatische und freundliche Stimmung bestehen.
Eine von uns übernahm außerdem die Rolle einer Richterin am Internationalen Gerichtshof (IGH). Der Internationale Gerichtshof gehört zu den Vereinten Nationen und entscheidet über Streitfälle zwischen Staaten. Im Rahmen der Konferenz beschäftigten wir uns mit der Umweltkatastrophe von Baia Mare (Rumänien) bei der ein Damm einer Goldmine brach und cyanidhaltiges Wasser über die Donau bis nach Ungarn floss. Dort verursachte es schwere Schäden an Flora und Fauna. Unsere Aufgabe als Richter war es zu entscheiden, inwiefern Rumänien für den Umweltschaden in Ungarn verantwortlich ist. Außerdem war zu klären, wer für die Schäden in Ungarn haftet und wie eine Entschädigung aussehen könnte. Gemeinsam mit 15 anderen Richterinnen und Richtern wurden Argumente beider Seiten analysiert, Beweise gesichtet, Zeugen gehört und natürlich viele Fragen gestellt. Schließlich konnten wir ein Urteil fällen: Rumänien hätte die Katastrophe verhindern können und muss eine Entschädigung an Ungarn zahlen. Durch den Gerichtsprozess konnten wir erleben, wie schwierig solche Entscheidungen sein können und wie wichtig es ist, verschiedene Perspektiven fair zu berücksichtigen.
Neben dem politischen Wissen konnten wir auch persönlich viele wertvolle Dinge von der Konferenz mitnehmen. Wir lernten unsere eigenen Positionen zu vertreten und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Zudem hatten wir die Möglichkeit, vor vielen Menschen zu sprechen und unsere Meinung selbstbewusst zu präsentieren. Darüber hinaus konnten wir vieles über die Abläufe in den Gremien erfahren und übten, wie wir uns seriös und fachlich ausdrücken können. Besonders schön war es außerdem, viele Leute unterschiedlichen Alters und verschiedener Nationalitäten kennenzulernen.
Insgesamt war die Teilnahme an Model United Nations für uns eine sehr besondere und lehrreiche Erfahrung. Wir konnten nicht nur viel über die Arbeit der Vereinten Nationen lernen, sondern auch persönlich neue Erfahrungen sammeln. Vor allem das gemeinsame Arbeiten, die Diskussionen mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie das Sprechen vor vielen Menschen haben uns geholfen selbstbewusster zu werden und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Rückblickend war die Konferenz eine spannende Gelegenheit, über den normalen Schulalltag hinaus neue Perspektiven kennenzulernen und internationale Zusammenarbeit einmal selbst zu erleben.
Emilia Spitzer, Emilia Grundl und Marlene Schwarzberger